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Wanderausstellung über den Holodomor in der Ukraine in München eröffnet

10.03.2026

Projekt des MHZ soll das kaum bekannte “größte sowjetische Massenverbrechen” stärker ins Bewusstsein rücken.

MHZ-Projektmitarbeiter Dr. Gerhard Gnauck, der Organisator der Ausstellung

Bewegung im Hauptgebäude der Uni München: Trotz Kommunalwahlkampf in Bayern und Semesterferien kamen rund 80 Besucher zur Eröffnung der Ausstellung „Wieso seid ihr noch am Leben?“. Diese Frage stellten sowjetische Funktionäre unter Josef Stalins Herrschaft hungernden Bauern in der Ukraine. Dabei war es der Staat selbst, dessen rücksichtslose Politik, beginnend mit der Zwangskollektivierung der Bauernhöfe im Jahr 1930, den Hungertod von rund 4 Millionen Ukrainern verursachte. Der Untertitel der Ausstellung ergänzt: „Der Holodomor von 1932/33: Stalin stürzt die Ukraine in die größte Hungersnot der Geschichte Europas.“ Eine von Menschen verursachte „politische Hungersnot“, wie der Historiker Andrea Graziosi sie nannte. Gleichzeitig starben etwa zwei Millionen Menschen in anderen Teilen der Sowjetunion, insbesondere in Kasachstan und Südrussland, an Hunger.

Dennoch bleibt der Holodomor (ukrainisch für „Hungermord“) für viele Europäer ein unbekanntes Kapitel der Geschichte. Bisher hat kein deutscher Autor eine Monografie oder Dissertation darüber geschrieben. Intensive Forschungen begannen in den 1980er Jahren in den USA und Kanada und in den 1990er Jahren in der unabhängigen Ukraine. Inzwischen haben die Parlamente der meisten EU-Mitgliedstaaten einschließlich des Deutschen Bundestages Resolutionen verabschiedet, in denen der Holodomor als Völkermord (Genozid) anerkannt wird. Die Bedeutung der Erinnerung daran wird dadurch bestätigt, dass die russischen Behörden in den besetzten Gebieten der Ukraine heute Gedenkstätten für die Opfer der Hungersnot und des kommunistischen Terrors insgesamt zerstören.

Während der Eröffnung bezeichnete Professor Martin Schulze Wessel, Co-Direktor des MHZ, den Holodomor als „das größte der sowjetischen Massenverbrechen“; die Zahl seiner Todesopfer übertraf jene des gesamten Gulag-Lagersystems. „Stalin wollte die Ukrainer als Nation auslöschen.“ Der Historiker hat zusammen mit dem ukrainischen Co-Direktor Professor Yaroslav Hrytsak (UCU) im Jahr 2024 einen Band zum Holodomor herausgegeben: „Hunger als Waffe”. Er ist öffentlich hier frei zugänglich.

Gastredner Dr. Volodymyr Tylishchak, Holodomor-Forscher am Ukrainischen Institut des Nationalen Gedenkens (UINP) in Kyjiw und Autor bzw. Herausgeber zweier Bücher über die Ukraine der 1930er Jahre, sprach über den weit verbreiteten aktiven und passiven Widerstand gegen die Maßnahmen der sowjetischen Behörden in dieser Zeit. Er erinnerte an tausende, teils gewaltsam niedergeschlagene Bauernproteste in der Sowjetunion; besonders häufig waren sie in der Ukraine. Während Millionen von Menschen durch Repressalien und Hunger „gebrochen“ worden seien, so Tylishchak, hätten andere, ebenfalls Millionen, durch Proteste oder durch gegenseitige Hilfe in der Not „trotz alledem ihre Menschenwürde bewahrt“. Unter den Gästen waren die Generalkonsuln der Ukraine und Polens in München, Yuri Nykytiuk und Rafał Wolski, sowie Dr. Lilia Bondarenko von der seit 1950 in München ansässigen Ukrainischen Freien Universität.

Der ehemalige evangelisch-lutherische Landesbischof von Bayern, Heinrich Bedford-Strohm, heute Vorsitzender des Zentralausschusses des Ökumenischen Rates der Kirchen, sowie der ukrainische griechisch-katholische Exarch für Deutschland, Bischof Bohdan Dsjurach, übersandten dem Publikum der Ausstellung ihre Grüße aus der Ferne.

Das Holodomor-Projekt will ein in Deutschland kaum bekanntes Menschheitsverbrechen stärker ins Bewusstsein rücken. So hatte es auch der Deutsche Bundestag am 22. 11. 2022 mit großer Mehrheit (bei Enthaltung der AfD und der Linken) gefordert: eine „achtsame Perspektive auf unsere östliche Nachbarschaft“ müsse gestärkt, „blinden Flecken“ im Geschichtsbild solle entgegengewirkt werden.

Die Ausstellung wird in Zusammenarbeit mit dem UINP und dem Holodomor-Museum, beide in Kyjiw, präsentiert und in Deutschland von Historiker Gerhard Gnauck vom MHZ organisiert. Sie ist im Hauptgebäude der LMU im 1. Stock zu sehen, in der Nähe der „Denkstätte“ für die Geschwister Scholl und die „Weiße Rose“ sowie der „Speerträger“-Statue. Nach dem 10. April 2026 wird sie nach Münster, Potsdam, Köln und in andere Städte weiterreisen.

3. März - 10. April 2026

Ausstellung im Dekanatsgang, LMU Hauptgebäude, 1. Stock

Geschwister-Scholl-Platz 1, 80539 München

Mo-Fr: 6:30 - 24 Uhr, Sa 8 - 22 Uhr, So 8 - 20 Uhr

Zentrumsdirektor Prof. Martin Schulze Wessel begrüßt das Publikum.

Generalkonsul Yuri Nykytiuk hält eine Rede.

Präsentation des Vortrags von Volodymyr Tylishchak per Video.

Dr. Lilia Bondarenko von der UFU referiert zum Holodomor.

Organisator Dr. Gerhard Gnauck begrüßt die Besucher zum Empfang.

Empfang und Ausstellungsbesichtigung

Empfang und Ausstellungsbesichtigung

Besucher betrachten die Ausstellungsbanner

Die Ausstellungsbanner an ihrem finalen Platz LMU Hauptgebäude, 1. Stock